Das falsche, krankhafte christliche Demuts- und Opfer-Verständnis

In den zeitgenössischen Glaubensschriften und theologischen Auslegungen wird die christliche Demut grundsätzlich als gute und erstrebenswerte Tugend bezeichnet. Diese anzustreben, zu lieben und ihr gemäss zu leben wird der Christenwelt empfohlen. Im Wörterbuch des Christentums vom Verlag Gerd Mohn/Benziger, 1988, heisst es beispielsweise: «Demut: Mit Demut verbindet sich heute die Vorstellung von Unter würfigkeit und Gehorsam gegenüber Autoritäten. Dieses Verständnis ist Erbe der heidnischen Antike. Für die Frömmigkeit ist Demut eine Grundhaltung des Menschen gegenüber seinem Gott und Schöpfer; gepaart mit Gottesfurcht, zählt sie zu den Grundelementen jüd. Moral. Paulus sieht in Jesu Haltung ein Vorbild der Demut, die auch der Christ einnehmen sollte (Phil 2,3.5; 1 Kor 4,7). Aus dem Glauben heraus wächst der Mut zum Dienen. Im Mönchtum gilt die Demut als Lehrmeisterin und Mutter aller Tugenden.»
Die wahrlich hehren menschlichen Werte der Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, Gedankenfreiheit und Selbständigkeit usw. finden weder in der Bibel (fälschlich AT) noch im Neuen Testament (NT) eine Erwähnung. Dies, obschon es sich bei diesen evolutiven Werten um die grundlegenden Voraussetzungen zur bewusstseinsmässigen, gedanklich-gefühls-psychemässigen und der Gesamtentwicklung des Menschen handelt. Dieses kultreligiöse Defizit war und ist den Kirchenoberen, bzw. den Theologen, Pfarrherren und Priestern, seit jeher durchaus bewusst. Die fadenscheinige Antwort der Religionsbonzen auf diese Tatsache ist daher naheliegend und kaum verwunderlich. In einer unbeschreiblichen Verhöhnung der Schöpfung Universalbewusstsein wird der blinde und demütige Glaube und die Opferbereitschaft an die imaginäre Gottheit als die höchstmögliche persönliche Freiheit gepredigt. Selbstredend hat diese illusorische Freiheit nur für alle jene wahngläubigen Menschen eine vermeintlich errettende Wirkung, die sich den ‹göttlichen› Forderungen nach Demut, Selbstaufopferung und Hörigkeit kritiklos unterwerfen. Also werden angeblich nur jene Menschen von der göttlichen Hand gerettet, die ihm, ihrem ‹Gott›, demütig dienen und ihr Leben in seine schicksalsbestimmenden Hände legen, um dadurch ihre von ihm gebilligte Freiheit zu haben und in ‹Gottes Gnaden› ein Leben in Glück, Frieden und Freiheit zu geniessen. Auf diesem falschen Denken basieren – wenn auch vielfach unbewusst – die ‹Hoffnungen› vieler Menschen. Tatsächlich ist im Neuen Testament zu lesen: 2. Korintherbrief Kap. 3, Vers 17: «Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.»
Das gesamte Leben, Sinnen und Trachten eines ‹wahrlichen› Christenmenschen basiert also im Grunde genommen auf den zweifelhaften Prinzipien der demütigen Hoffnung, der verherrlichten Selbsterniedrigung sowie auf der bedingungslosen Opferbereitschaft. Die schöpferische Ehrwürdigkeit als Pendant (Gegenstück, Gegensatz) zur negativen Demut im kultreligiösen Verständnis beruht auf der absoluten Gleichwertigkeit aller Geschöpfe. Sie spiegelt das harmonische Prinzip der Ausgeglichenheit in der schöpferisch-natürlichen Schöpfung wider.