
‹Neutralität›, wohl kaum ein anderer Begriff lässt den Unterschied zwischen Theorie und Praxis derart gravierend erkennen. Das wird erst dann wirklich offenbar, wenn man sich mit der Thematik ernsthaft und tiefgründig auseinandersetzt, woraus dann auch das Bewusstsein dafür erwächst, dass angewandte Neutralität das Alltagsleben ganz entscheidend erleichtert. Man kann daher davon ausgehen, dass das Praktizieren einer neutral-positiven Denk- und Handlungsweise die Grundlage dafür ist, dass das Leben erfolgreich, freudvoll, friedlich und harmonisch verläuft.
Wenn von Neutralität die Rede ist, wird dieser Begriff vielfach zu theoretisch gesehen, denn was wirklich dahintersteckt und was gelebte Neutralität dem Menschen abverlangt, wird erst dann realisiert, wenn sich der Mensch eingehend damit befasst. Der Mensch muss wissen, dass das Erlernen einer neutral-positiven Denkweise einer schöpferischen Gesetzmässigkeit entspricht, und erst wenn er diese wirklich lernt, kann er im Leben bewusst die Selbstverantwortung übernehmen. Es ist daher für Geisteslehrestudierende nicht damit getan, sich eingehend mit den physikalischen und naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten zu befassen und sich diesbezüglich oder auf verwandten Wissensgebieten Wissen und Können anzueignen und aufgrund dessen zur Ansicht zu gelangen, dadurch seinem evolutiven Streben Genüge getan zu haben, wenn dieser äusserst wichtige Teil der Geisteslehre vernachlässigt wird.
Grundsätzlich kann gesagt werden, dass es mit Sicherheit nicht so ist, dass der Mensch auf Knopfdruck beschliessen kann, dass er sich ab sofort neutral verhalte, denn Neutralität muss von jedem einzelnen Menschen zuerst mühsam erlernt werden. Dies darum, weil kaum ein Mensch von klein auf gelernt hat, die tatsächlich vorhandene Realität neutral-objektiv wahrzunehmen, sondern diese gemäss seiner jeweiligen Denkweise und den daraus entstehenden Gefühlen und Emotionen mit all seinen Vorstellungen, Vermutungen, Vorurteilen und subjektiven Beurteilungen vermischt. Das Kleinkind hat zwar die natürliche Fähigkeit, seine Umwelt reinbeobachtend zu realisieren, jedoch geht diese im Laufe des Älterwerdens leider meistens sehr schnell verloren, weil die äusseren Einflüsse, die massiv auf das kindliche Wesen einwirken, Unlogik, Falschannahmen, schlechte Gewohnheiten, Lebensuntüchtigkeit usw. fördern und damit dessen Mentalblock beeinflussen. Damit nicht genug, denn statt die jungen Menschen der Wahrheit des Lebens und der schöpferischen Gesetze und Gebote zu belehren, wird ihnen kultreligiöser und sektiererischer Unsinn eingetrichtert. Werden derlei Erziehungsfehler und negative Umwelteinflüsse nicht durch Selbsterziehung neutralisiert, die bereits ab dem siebten Lebensjahr beginnt, ziehen sich Unlogik, falsche Gewohnheiten, Untugenden usw. bis ins Erwachsenenalter hinein und verstärken sich in der Regel auch noch.
Dementsprechend sind viele Menschen belastet, fühlen sich unglücklich, sind ihren Ängsten und Aggressionen ausgeliefert und mit sich und ihrer Umwelt im Unreinen. Soll jedoch der Wunsch wahr werden, der zutiefst in jedem Menschen vorhanden ist und zur Verwirklichung drängt, nämlich dass sich Liebe, Frieden, Freiheit, Freude und Harmonie dauerhaft in seinem Inneren ausbreiten sollen, kommt er nicht umhin, sich eine neutral-positive Denk- und Handlungsweise anzueignen, die diesbezüglich massgebenden schöpferischen Gesetzmässigkeiten zu erforschen und sie gemäss seinem erlangten Verständnis im täglichen Zusammenleben mit den Mitmenschen zu praktizieren. Die Tatsache, dass das erfolgreiche Praktizieren der Meditation und die sich daraus entwickelnden Möglichkeiten zur Nutzung der Bewusstseinskräfte vom Fortschritt in der Entwicklung der Neutralität abhängig sind, ist von wesentlicher Bedeutung. In jedem Bereich, in dem sich der Mensch den Schöpfungsgesetzen zuwendet, wird sein Dasein erst wirklich lebenswert, weshalb sich mit der wachsenden Fähigkeit, sich der Umwelt und sich selbst gegenüber neutral zu verhalten, eine zunehmend spürbare und wohltuende Ausgeglichenheit im Inneren des Menschen entfaltet. Alle negativen Gefühle und Emotionen wie Ärger, Frust, Enttäuschung, Angst, Kummer, Beleidigtsein, Sich-verletzt-Fühlen usw., die sich im Menschen ausbreiten, die Psyche belasten und den inneren Frieden, die Liebe, Freude und Harmonie nicht aufkommen lassen, fallen weg, wenn eine zunehmend neutral-positive Haltung im Umgang mit sich selbst und den Mitmenschen gelebt wird.
In der Praxis ist die Erlernung einer neutralen Haltung und Einstellung sich selbst, den Mitmenschen und der gesamten Umwelt gegenüber auch für ernsthaft gewillte Menschen unbestreitbar eine echte Herausforderung. Nur zu schnell fällt das mühsam errichtete Gebäude namens Neutralität wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn selbst grosse Bemühung nicht belohnt wird und sich ein Mitmensch in scheinbarer Undankbarkeit ausgerechnet den wundesten Punkt in einem aussucht, um einen Frontalangriff zu starten. Aber aus einer negativen Handlung kann auch Gutes entstehen, denn gerade dadurch, dass ein unterschwellig vorhandenes Problem an die Oberfläche kommt, bietet sich der nächste Schritt zur Erlernung der Neutralität an, wodurch man dessen Behebung anstreben kann. Es kommt also immer darauf an, wie eine Sache bewertet und verarbeitet wird.
Die Tatsache, dass es unvermeidbar ist, dass man im Alltag und im Berufsleben mit aggressiven und rechthaberischen Zeitgenossen konfrontiert wird, macht vielen Menschen schwer zu schaffen. Zynische, dominante und aggressive Zeitgenossen können aber keine Macht über ihre Mitmenschen gewinnen, wenn diese sich nicht darauf einlassen, sondern eine neutrale innere Haltung einnehmen. Damit belässt man die negative Handlung beim Verursacher und bestimmt dadurch über sich selbst und das eigene Wohlbefinden.
Kränkungen, Beleidigungen und verbale Verletzungen haben keine Chance, wenn man nicht zulässt, dass sie im eigenen Bewusstsein wirksam werden.
Alle Menschen haben im Unterbewusstsein und im Gedächtnis mehr oder weniger Geschehen, Bilder, Begebenheiten, Beobachtungen, Erlebnisse usw. gespeichert, die der jeweiligen Realität nicht entsprachen und deshalb verfälscht mit selbst kreierten Vorurteilen, Vermutungen und Falschinterpretationen usw. ins Innere gelangten. Dementsprechend sind die Impulse aus dem Unterbewusstsein geprägt. Diese Impulse müssen wachsam registriert und neutralisiert werden, denn nur dadurch gelingt es, den Tatsachen entsprechende Wahrnehmungen zu machen und daraus Kenntnis, Erkenntnis, Wissen, Erfahrung und Weisheit zu erlangen. Viele Menschen haben die Tendenz, Neuem, Unbekanntem und Fremdartigem skeptisch, voreingenommen, überkritisch und nicht selten voller Misstrauen gegenüberzustehen. Um Neues, Unbekanntes und Fremdartiges ergründen zu können, braucht es aber eine unvoreingenommene, wachsame, objektive und vernünftige Denkweise. Allein dieses Vorgehen gewährleistet ein den Tatsachen entsprechendes Ergebnis. Gut gemeinte Fürsorge, falsch verstandenes Pflichtgefühl usw. – die Gründe, die dazu verleiten, sich in das Leben nahestehender Mitmenschen einzumischen und damit ihre persönliche Freiheit einzuschränken, sind sehr zahlreich. Das Wissen um die Selbstverantwortung jedes einzelnen Menschen sowie die Tatsache, dass jeder Mensch einen ganz persönlichen, einzigartigen Lebensweg beschreitet, der seinen Anfang nicht erst in diesem Leben hat, sondern durch zahllose frühere Persönlichkeiten mitgeprägt wurde, sollte dabei hilfreich sein, sich neutral-positiv verhalten und auf ungebetene Einmischung verzichten zu können.
Es ist sehr bedauerlich, dass sich viele Menschen das Zusammenleben durch Streit und Hader oft so schwer machen. Dabei sind häufig lächerliche Missverständnisse der Ursprung von Zerwürfnissen, die schliesslich nicht selten zu lebenslangen Feindschaften führen – Missverständnisse, die auf Vermutungen, Vorurteilen, Empfindlichkeit und dergleichen mehr aufgebaut sind. Würde nur einmal ein neutrales, sachliches und klärendes Gespräch geführt, könnte sich vieles wieder ausgleichen und dadurch unnötige und belastende Zerwürfnisse verhindert werden. Zahlreiche Menschen fürchten sich vor negativen Erfahrungen; dabei wird nicht bedacht, dass auch aus negativen Erlebnissen sehr Wertvolles gewonnen werden kann, wenn das Positive zum Wirken gebracht wird, das in allem Negativen enthalten ist. Das ist z.B. dann der Fall, wenn ein Mensch durch eine schwere Krankheit oder einen erlittenen Unfall beginnt, sich tiefgreifende Gedanken über das eigene Leben zu machen, dadurch von einer oberflächlichen Sinngebung des Lebens abweicht und in sich Tugenden wie Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Verständnis, Hilfsbereitschaft, Toleranz usw. entwickelt.
Für das Wohl des Menschen ist es sehr bedeutsam, das Leben als ständigen Lernprozess zu begreifen und positive wie auch negative Erfahrungen als notwendige Schritte im Streben nach evolutivem Fortschritt zu akzeptieren. Das hat zur Folge, dass es aufgrund der Bemühung, Neutralität zu erlernen, immer besser gelingt, das Alltagsleben mit seinen Herausforderungen auf sich zukommen zu lassen, das Beste aus allem zu machen und in allen Situationen immer mehr Ruhe und Gelassenheit bewahren zu können.